09.01.2012Wieder einmal: Ein Spiel dauert 60 Minuten...

Mit am Ende 30:30 (14:18) trennten sich in der „factum arena“ im Sportforum Neustadt das personell weiter dezimierte Team von HC Sachsen-Coach Bärbel Wessel – Abwehrchefin Marta Adamkova fällt nach ihrer Meniskusoperation mindestens 4 Wochen aus – und die von der Ex-Internationalen Heike Ahlgrimm trainierte Bundesligareserve aus dem Ostwestfälischen.
 
Dabei wurde dem Publikum über 60 Minuten ein ebenso spannendes wie gutklassiges Liga 3 Spiel geboten, in dem die Hausdamen einem schnellen Anfangsrückstand von drei Toren über die ganze Spielzeit nachjagten und mit einer geschlossenen und nervenstarken Mannschaftsleistung nicht locker ließen, bis Melanie Baier in der Schlußminute einen an der nach ihrer mehrmonatigen Verletzungspause erstmals ins Team zurückgekehrten Jenny Kolewa verursachten 7-m Strafwurf schnörkellos und ohne viel Federnlesen zum vielbejubelten 30:30-Ausgleich im Gästetor unterbrachte. Danach kochte die „factum arena“ und die aufopferungsvoll kämpfenden Gastgeberinnen konnten nach Spielschluß minutenlang die verdienten Ovationen für ihre engagierte Leistung entgegennehmen. Währenddessen die Damen von Heike Ahlgrimm, die als klare Favoriten in das Spiel gegangen waren, die Enttäuschung um den verpassten Sprung an die Tabellespitze der Staffel ins Gesicht geschrieben war. Denn die Erwartungen sind auch für diese Saison im Lippischen sehr hoch gesteckt.
 
Die größte Überraschung für die Gäste war, das bekannte HSG-Coach Heike Ahlgrimm auf dem Trainertalk nach dem Spiel, dass die spekulative Erwartung, die HCS-Damen würden über 60 Minuten das Tempo nicht mitgehen können, sich nicht erfüllte. Nach den etwas ungeordneten Anfangsminuten, fing sich das Heimteam mit Petra Janeckovas und Helena Binovas Anschlusstreffern zum 2:3 in der 5. Minute und lieferte dem Vorjahresmeister und derzeitigen Tabelldritten dann im weiteren einen packenden Schlagabtausch auf Augenhöhe. Über 4:5 in der 8., 6:7 in der 12. und 7:8 in der 14. Minute hatten die Gastgeberinnen, in deren Offensivspiel zunächst eine glänzend disponierte Melanie Baier, eine spielwitzige und situativ hellwache Petra Janeckova und eine intelligent in Szene gesetzte und durchsetzungsstarke Helena Binova die Akzente setzten, immer wieder bis auf ein Tor verkürzt, verpassten aber den Ausgleich, weil Martina Wiele in der 14. Minute einen Konter leider nicht im Tor unterbringen konnte. Eine Überzahlsituation nutzten die Gäste, deren Spiel von der Erfahrung  und Routine der ehemaligen Erstligaspielerinnen Mirja Mißling und Kateryna Valyushek im Rückraum geprägt wird, um wieder auf 7:10 (16.) davon zu ziehen. Es folgte der nächste Anlauf der HCS-Damen, das Spiel zu drehen, Petra Janeckova verkürzte zum 10:11 (19.). Doch stets hatten die Gäste-Damen eine schnelle Antwort parat, in der 23. Minute lagen sie wieder die anfänglichen 3 Tore vorne (12:15). Diesen Vorsprung konnten die Gäste mit der Pausensirene über einen Kreismittetreffer der quirligen Jessica Pöhlker sogar noch auf 14:18 ausbauen.
 
Der Treffer zum psychologisch eigentlich ungünstigsten Zeitpunkt brachte die HCS-Damen jedoch nicht aus dem Gleichgewicht. Mit ihrem starken Comeback reihte sich Jenny Kolewa nahtlos in das funktionierende Teamspiel ein und leistete in der Defensive bereits wieder mit aggressives Forechecking und intelligentes Aufbauspiel in der Rückraummitte. Sie markierte auch das 16:18 2 Minuten nach dem Wiederanpfiff. Wieder jedoch Nadelstiche im prompten Gegenzug, 16:19 durch Mirja Mißling. Diese Differenz hielt bis in die 36. Minute und in der 39. Minute war es erneut HSG-Kreismitte Jessica Pöhlker, die zum 19:23 erhöhte. Beim 20:25 in der 42. Minute schien das Spiel vorentschieden, zumal nach dem 21:25 Anschluß Therese Torlen eine 2 Minuten Strafe absitzen mußte. Doch in dieser kritischen Situation gelang es Jenny Kolewa und Petra Janeckova bis auf 23:25 zu verkürzen. Man blieb im Spiel und dran, das Team von Bärbel Wessel war erkennbar nicht willens, dem Favoriten irgendetwas zu schenken. Mit „Spezialbetreuung“ der HSG-Spielmacherin Mirja Mißling durch Slavka Ninkovic und heraustretende Abwehrarbeit gegen Kateryna Valyushek wurde der HSG-Offensive zunehmend der Zahn gezogen und mit einer weiterhin sehr geringen technischen Fehlerquote erhielten die Gäste keine Gelegenheit zu „einfachen“ Toren geboten. Diese nochmalige Leistungssteigerung lohnten sich die HCS-Damen selbst mit dem 27:27 in der 51. Minute.
Dann wer es nur noch Krimi pur. Nachdem Melanie Baier beim Stand von 28:29 zuerst einen Lattenkracher landete, dann eine in Kombination mit Jenny Kolewa herrlich herausgespielte Chance mit Wurfpech nicht unterbringen konnte und Mirja Mißling, auch bombensichere 7-m Schützin der HSG, im Gegenzug in der 58. Minute zum 28:30 einnetzte, schien die Entscheidung nunmehr doch endgültig zu Gunsten des Favoriten gefallen. Aber Helena Binovas 29:30-Anschluß ließ für die letzten anderthalb Minuten alles wieder offen, die HSG verwarf unter Zeitspieldruck und dann nahm sich Melanie Baier den Ball zum 7-m. Wo der Ball hinging wissen wir schon.
 
Bärbel Wessel konnte nach dem Spiel zu Recht von einem der bisher besten Saisonspiele ihres Teams sprechen. Berücksichtigt man die Kaderumstände und die Art und Weise, wie über 60 Minuten von allen mit vollem Engagement dagegengehalten wurde: dann war es das Beste. Auch Heike Ahlgrimm, einst bei Bayer Leverkusen Mitspielerin der HCS-Ikone Petra Cumplova, würdigte die Leistung der Gastgeber ausdrücklich damit, dass sie durchaus froh sei, einen Punkt auf die Heimfahrt mitnehmen zu können und den Spielausgang nicht als Punktverlust sehe. Die scherzhafte Anfrage von Talkmoderator Gunter „The Voice“ Giese, ob sie denn angesichts der angespannten Kadersituation nicht vielleicht doch noch das HCS-Team verstärken könne, beschied sie allerdings abschlägig. Sie hat ihre aktive Karriere definitiv beendet. Schade, aber ein Versuch war`s allemal wert.
 
Das Spiel im Zeitraffer: 0:3 (3.), 2:3 (5.), 5:6 (11.), 7:10 (16.), 10:11 (19.), 12:16 (25.), 14:18 (30.) – 16:18 (32.), 18:20 (34.), 19:23 (40.), 20:25 (42.), 23:25 (47.), 26:27 (50.), 28:28 (53.), 28:30 (58.), 30:30 (59:32)